Hygiene in der Stadt Essen im 19. Jahrhundert am Beispiel der Wasserversorgung und Abwasserbewirtschaftung – Christian Eiden

Die Ruhrgebietsmetropole Essen kann in vielerlei Hinsicht als paradigmatisches Beispiel einer westlichen Bergbaustadt gesehen werden, mit allen damit verbundenen Vorteilen und Schwierigkeiten. Der Historiker Christian Eiden illustriert an ihrem Beispiel den Umgang mit Wasser und Abwasser im 19. Jahrhundert, in dem Seuchen wie Cholera und Typhus noch eng mit städtischem Leben verknüpft sind. Die im 9. Jahrhundert gegründete Stadt Essen befindet sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts an einem wirtschaftlichen und populären Tiefpunkt. Schlechte Verkehrsverbindungen, die zum Erliegen kommende Gewehrproduktion, dunkle, verwinkelte Straßen und eine fast mittelalterliche Wasserversorgung tragen ihren Teil dazu bei. Erst mit dem Ausbau der Ruhr und der Anbindung ans Eisenbahnnetz Mitte des 19. Jahrhunderts stabilisiert sich die Lage langsam. Mit der Inbetriebnahme von Bergwerken wächst auch die Bevölkerung rasant, eine Entwicklung, der durch die Eingemeindung angrenzender Orte entgegengekommen wird. Mit der wachsenden Bevölkerungsdichte wächst aber auch die Gefahr der Verunreinigung von Trinkwasser (vor allem Brunnenwasser) durch Abortgruben. Der Bergbau und damit einhergehend eine künstliche Absenkung des Grundwasserspiegels führen gleichzeitig zu einem Versiegen vieler Brunnen, während die bisher einzige Quelle im Stadtgebiet, die Kaupenleitung, immer weniger ergiebig ist. Die zunehmende Verschmutzung der Ruhr führt zur Verunreinigung der Leitungen des ab 1864 in Betrieb genommenen zentralen Wasserwerks. 1901 findet diese Entwicklung einen Höhepunkt in einer Typhusepidemie, die 300 Todesopfer fordert und Robert Koch persönlich auf den Plan ruft. Die Abwässer werden zunächst in das die Stadt umfließende Flüsschen Berne geleitet, was zu einem Streit mit den Anliegern führt, der die Kanalisationsfrage zur Stagnation bringt. Währenddessen kommt es in Essen weiterhin zu Ausbrüchen von Typhus und Cholera. Die Unfähigkeit der Püttgesellschaften, mit den wachsenden Wasserver- und Entsorgungsproblemen umzugehen, führt in der Folge zur Gründung von Genossenschaften, dem Bau von Talsperren und biologischen Kläranlagen. Die Renaturierung der Emscher nach ihrer jahrzehntelangen Nutzung als Abwasserkanal dauert an und wird schätzungsweise 4,5 Milliarden Euro kosten.

Die Probleme bei der Trinkwasserversorgung und der Abwasserentsorgung stellen die regionalen, mittelalterlichen Strukturen der Ruhrgebietsstädte bei wachsenden Bevölkerungszahlen und verstärkter Industrialisierung vor Probleme, die sie nicht mehr zu lösen imstande sind. Im Laufe des 19. Jahrhunderts führen diese Probleme über einige Irrwege zur Institutionalisierung und Regionalisierung. Essen kann hier als Ruhrgebietsstadt mit Modellcharakter für die Bewältigung von Hygieneproblemen betrachtet werden.

Der Volltext zu dieser Zusammenfassung findet sich in: H. W. Ingensiep / W. Popp (Hrsg.): Hygiene und Kultur. Interdisziplinäre IOS-Schriftenreihe Band 2. Essen: Oldib-Verlag 2012.

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